Das Parlamentarische Patenschaftsprogramm (PPP)

Das PPP wird vom Deutschen Bundestag und dem Amerikanischen Kongress in Form eines Stipendiums finanziert. Der Deutsche Bundestag übernimmt für die deutschen Teilnehmer im Rahmen dieses Stipendiums die Flug- und sonstigen Reisekosten, die Programmkosten, die Versicherungskosten und die Kosten für das Vorbereitungsseminar. Die Mitglieder des Deutschen Bundestages übernehmen eine Patenschaft für die Jugendlichen. Rolf Schwanitz beteiligt sich seit 1992 als "Pate" am PPP. Im Programmjahr 2002/2003 nahm Torsten Liebold aus Eich im Vogtland an dem Programm teil. Von August 2002 bis Juli 2003 lebte er in Millersville im Lancaster County (US-Bundesstaat Pennsylvania) und wird im folgenden über seine Erlebnisse berichten.

Mein Austauschjahr

Vor genau 12 Monten hat mein Abenteuer begonnen. Nach einem langen Tag und noch längerem Flug kam ich am 7. August 2002 um 3 Uhr Ortszeit auf dem J.-F.-K.-Flughafen in New York City an. Ich werde die herrliche Aussicht wahrscheinlich niemals wieder vergessen.

Foto Verabschiedung Torsten Liebold

Rolf Schwanitz im Gespräch mit Torsten Liebold bei einem Abschiedsbesuch im August 2002

Doch es ging alles sehr schnell, noch eine kurze AFS-Orientation und dann wurde ich auch schon von meiner Gastfamilie abgeholt. Alles war sehr neu für mich. Meine Mom und mein Dad haben mir im Auto viele Fragen gestellt und viel geredet, ich habe meistens nur mit "yes" und "no" geantwortet. Schon nach kurzer Fahrzeit wurde mir klar, dass ich nicht in einer größeren Stadt leben werde, denn wir hielten uns von Ortschaften fern und steuerten direkt aufs Land zu. Je schmaler die Straßen wurden, desto mulmiger wurde mir zu Mute. Angekommen auf

einem großen Anwesen ähnlich einer Farm, erklärten mir meine Gasteltern (oder einfach nur Eltern, wie ich sie immer nenne) alles rund ums Haus und zeigten mir mein Zimmer. Ich hatte kaum Zeit meine Sachen im Zimmer unterzubringen, schon wurde ich aufgefordert mich fertig zu machen. Wir fuhren dann in eine alte Turnhalle, wo die örtliche Feuerwehr Essen verkaufte um Geld für einen guten Zweck zu sammeln. Dort habe ich meine Großeltern und viele Nachbarn kennen gelernt. Noch heute sehe ich alles genau vor mir sobald ich die Augen schließe. Viele Leute haben mich auf meinen deutschen Akzent hin angeredet und alle waren überaus freundlich und bewunderten meine Englischkenntnisse. Eine Band spielte "The Best of the 80's Rock" und es war ein herrlicher warmer Sommerabend.

Dann verging die Zeit wie im Fluge. Ich integrierte mich schon zeitig in die Marching Band. So verging die Zeit durch tägliche Proben und die Footballspiele und Wettbewerbe am Wochenende. Die Ferien neigten sich auch dem Ende zu.

Die ersten Tage in meiner neuen Schule, der Penn Manor High School, waren nicht halb so schwer, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich führte viele Gespräche mit Lehrern und Schülern, jeder schien interessiert zu sein. Ich habe in dieser ersten Zeit viele neue Freunde gefunden, die mir geholfen haben, mich in der riesigen Schule zurechtzufinden. Immerhin gab es dort 1800 Schüler. Aber auch nach vielen Monaten, standen mir dieselben Freunde immer noch zur Seite und durch wechselnde Aktivitäten im Schulalltag wurden es ständig mehr.

Foto Torsten Liebold in Washington/DC

Torsten Liebold am Einstein-Memorial in Washington/DC

Ich ging ins Kino, MC Donalds, Burger King, Pizza Hut, Bowling Center oder einfach nur downtown Shopping. Es hatte sich dabei nicht einmal als ein Nachteil erwiesen, dass ich auf dem Land wohnte, es fanden sich immer Freiwillige mich mitzunehmen. Zu meinen Abenteuern gehörten auch 3 Ausflüge nach New York City, eine Broadway Show, sowie Ausflüge nach Baltimore, Philadelphia, Ocean City in Maryland, Trips nach West Virginia und New Jersey. In Washington D.C. ging ich privat auf Sight Seeing und besuchte das Weiße Haus und das Capitol sowie das gesamte Regierungsviertel mit U.S. Supreme Court und der Library of Congress. Ich sah die verschiedenen Memorials und hatte wirklich Spaß. Mit meiner Familie fuhr ich viel herum, sah mir Ausstellungen an, ging in Musicals und unternahm alles das, was mir Spaß macht.

Ich nahm auch sehr aktiv am Schulleben teil. Ich war nicht nur in der Marching Band und Konzert Band Mitglied, außerdem sang ich im School Chorus und auch bei den sogenannten Manor Singers, der Schulelite. Und als ob das noch nicht genug wäre, hatte ich beim Casting für das Schulmusical "Guys and Dolls" auch noch eine der Hauptrollen bekommen. Ich hatte ein Sololied, sang in drei weiteren Liedern mit und musste auch ungefähr 40 kleinere Textstellen rezitieren. Ich trat über das gesamte Musical verteilt in mehreren Szenen auf. Diese Zeit im Frühjahr war mit die schönste im ganzen Jahr, wenn man das so sagen kann. Denn eigentlich war das ganze Jahr eine einzige positive Erfahrung für mich. Die anderen Schüler und auch die Lehrer integrierten mich und ich gehörte einfach dazu und hatte nie das Gefühl eines Außenseiters. Die anderen Schüler behandelten mich mit Respekt und suchten sogar Rat bei mir.

Foto Graduation Torsten Liebold

Torsten Liebold mit seinem Bruder Toby am Tag der Graduation

Jedoch am meisten trugen dazu meine Gasteltern bei. Ich nannte sie Mom und Dad und wir waren wie eine richtige Familie. Mein kleiner Gastbruder Toby war gerade mal zwei Jahre alt und hatte mich richtig in sein Herz geschlossen. Meine Eltern versuchten wirklich alles für mich möglich zu machen. Wenn ich gerne irgendwo hin gefahren wäre, oder nur einen Ratschlag oder ein bisschen Unterstützung brauchte, sie waren die ganze Zeit immer für mich da. Meine Großeltern, Cousinen, Cousins, Tanten, Onkel usw. behandelten mich als Teil der Familie. Ich wurde in alle Feierlichkeiten integriert und bekam haufenweise Geschenke. Aber auch in ernsten Situationen und Gesprächen wurde meine Meinung voll respektiert.

Lief ich morgens zur Haltestelle des Schulbusses, so war kein einziges Licht an. An den typischen Country Roads gab es keine Beleuchtungen. Manchmal fühlte ich mich schon etwas komisch allein im nirgendwo aber die wenigen Nachbarn kannten mich alle ganz genau, sie unterhielten sich mit mir und integrierten mich sogar in ihre eigenen Familien. Ich war eigentlich nie wirklich allein. Ich versuchte meinen Eltern im Haus und im Garten soviel wie möglich zu helfen, denn beide arbeiteten ziemlich lange und Toby musste ja auch ständig im Auge behalten werden.

Ich putzte im Haus, wusch die Autos und ging mit unseren zwei Hunden raus. Es gab immer etwas zu tun und je mehr ich half, desto mehr Zeit war übrig um etwas zu unternehmen. Ich fuhr zu Autoshows und anderen Veranstaltungen, von denen Mom und Dad wussten, dass es mir Freude machte. Wir passten wirklich gut zusammen! Und dass auch in schwierigen Situationen.

Nachdem ich einen Monat in meinem neuen Zuhause gelebt hatte, war auf Grund von Monate langer Trockenheit unser Brunnen, die einzige Wasserquelle, ausgetrocknet und wir mussten für 2 Monate ohne Wasser auskommen! Mein Dad fuhr mich jeden Abend in sein Büro zum Duschen, eine Entfernung von ca. 30 Minuten. Aber wir haben zusammengehalten und alles gut überstanden. Dann kam Anfang

Karte USA-Nordost

Pennsylvania liegt im Nordosten der USA

Dezember schon der erste Schnee und im Januar eine enorme Kälte mit Temperaturen unter minus zwanzig Grad Celsius, so dass unsere Wasserleitung gefroren war. Aber auch dass haben wir überstanden. Am 16. Februar ging an der Ostküste ein gewaltiger Schneesturm nieder und wir saßen zwei Tage in unserem Anwesen fest. Aber auch das überstanden wir und hatten sogar einen Höllenspaß beim Schneemobilfahren. Wenn ich also auf das vergangene Jahr zurückblicke, so muss ich sagen, dass ich keine einzige Sekunde bereue. Im Gegenteil. Ich erlebte Dinge und sah Sachen, von denen so mancher vielleicht nur träumt. Ich lernte neue Menschen und eine neue Kultur und Lebensweise kennen und habe gelernt, mich in die Lage anderer zu versetzen bevor ich ein Urteil abgebe.

Natürlich dachte ich auch oft an meine Familie in Deutschland und ich vermisste sie, aber ich wusste ich würde sie wiedersehen. Ich wünschte sie hätten sehen können, was ich erlebte. Ich werde nichts von dem Jahr jemals vergessen und ich kann nur jedem raten, die Chance zu nutzen und ein solches Austauschjahr zu erleben.

Torsten Liebold, August 2003

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