
Das PPP wird vom Deutschen Bundestag und dem Amerikanischen Kongress in Form eines Stipendiums finanziert. Der Deutsche Bundestag übernimmt für die deutschen Teilnehmer im Rahmen dieses Stipendiums die Flug- und sonstigen Reisekosten, die Programmkosten, die Versicherungskosten und die Kosten für das Vorbereitungsseminar. Die Mitglieder des Deutschen Bundestages übernehmen eine Patenschaft für die Jugendlichen. Rolf Schwanitz beteiligt sich seit 1992 als "Pate" am PPP. Im Programmjahr 2004/2005 nahm Sandy Schlosser aus Schöneck im Vogtland an dem Programm teil. Im folgenden wird sie über ihre Erlebnisse berichten.
Mein Name ist Sandy Schlosser und ich war Teilnehmerin des 21. Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) 2004/2005. Das PPP wird vom Deutschen Bundestag und U.S. Congresses in Form eines Stipendiums finanziert. Mein Bundestagsabgeordneter und somit Pate das Austauschjahres war Herr Rolf Schwanitz und auf der amerikanischen Seite Mr. Roy Blunt.
Das Jahr habe ich am Rande von Springfield, Missouri - eine mit ca. 160.000 Einwohnern große Stadt - verbracht. Ich lebte gemeinsam mit meinem Gastvater Jim (57) und Tochter Leah (13) in einem relativ kleinen Haus mit kleinem Garten. Die beiden nahmen mich herzlich in ihrer kleinen Familie auf, doch es dauerte einige Zeit bis ich mich in der neuen Umgebung einlebte.
Schon bevor ich abflog, war ich mir nicht sicher wie es denn sein wird, in einer Familie ohne Mutter zu leben. Doch meine Skepsis wurde nicht bestätigt. Jim hat sich um alles gekümmert - Essen, Wäsche, Hausarbeit und Kochen. Leah und ich halfen ihm bei allem, und persönlich machte es mir sehr viel Spaß, beim Einkaufen Anregungen für Neues und teilweise gesünderes Essen zu leisten. Zum Beispiel waren beide anfangs keine Fans von frischem Gemüse und Obst, dank mir hatten wir immer etwas "grünes" im Haus. Jim war ein begnadeter Koch von mexikanischem Essen und dabei konnte ich mir einige Tricks abschauen. Und eins weiß ich ganz sicher, auf "Mexican Food" mag ich nicht mehr verzichten.
![]() |
Sandy Schlosser vor dem Washington Monument |
Meine High School, die "Pakview High", war eine mittelgroße Schule mit etwa 1600 Schülern. Die ersten Tage an der neuen Schule waren für mich nur halb so schwer, wie ich es mir vorgestellt habe. Viele Schüler und auch Lehrer waren gegenüber dem "german girl" sehr interessiert und halfen mir, mich in der neuen Schule zurechtzufinden. Auch die große Panik, dass ich meine Klassenzimmer nicht finde und hilflos in den Gängen umherirrte, war nicht der Fall.
Da mein Verständnis der englischen Sprache in den ersten Wochen nicht sehr gut war, hatte ich das Gefühl im Unterricht nur "Bahnhof" zu verstehen. Dies gab sich aber nach einiger Zeit und die Schule war spannend, neu und interessant. Die Klassen wählte ich sorgfältig und anlehnend an meine deutschen Kurse aus. Ich habe nicht unbedingt die schwierigsten Stufen gewählt und somit entging ich dem großen Schulstress ein wenig.
Sport wurde sehr groß geschrieben!
Da ich sehr Sport interessiert bin, habe ich mich sofort bei den Teams im Volleyball und Fußball angemeldet. Das Volleyballteam der Schule - den "Parkview Vikings" - spielte gegen andere High School's in Springfield und Umgebung. Dies machte mir sehr viel Spaß und half mir, vor allem in der ersten Zeit, mich vom Heimweh abzulenken und neue Freunde zu finden.
Meine Gastschwester Leah war im Volleyballsport ebenfalls aktiv und somit hatten wir zusammen viel Spaß und bei Langeweile einen gemeinsamen Zeitvertreib. Auch mein Gastvater war immer tatkräftig bei fast allen Spielen dabei und begeisterte sich bei jedem Fortschritt unseres Teams. Ich spiele seit ca. 5 Jahren Volleyball,doch diesen sogenannten "Team Spirit" habe ich noch nie so stark erlebt. Anfangs war es nicht ganz leicht, mich mit stimmlicher Stärke zu engagieren, aber die Schüchternheit überwand ich schnell. Leider war unser Team am Saisonende nicht besonders erfolgreich. :-)
Ab dem Winter spielte ich dann bei der Volleyball Mannschaft den "Springfield Storm" mit, einem Team mit höherem Level und lernte somit sehr viel mehr in meiner Lieblingssportart. Auch sind wir viel in Missouri herumgereist, um an Turnieren und Wettkämpfen teilzunehmen. "Springfield Storm" ist ein Clubteam und somit sehr viel anspruchsvoller.
Als ich allerdings erfuhr wie hoch der monatliche Beitrag war, trat mein Wunsch dort mitzuspielen in einen großen Schatten. Hier waren mir mein zukünftiger Trainer Ryan und einige Eltern der Teammitglieder sehr behilflich. Gemeinsam überlegten wir uns etwas, um das Mitspielen für mich zu ermöglichen. Es war ein wunderbares Gefühl, auf soviel Gastfreundschaft in einem fremden Land zu stoßen. Auch Jim wollte mir die Mitgliedschaft ermöglichen und übergab mir ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk.
Das Mitwirken in diesem Team war ein tolles Erlebnis. Als "underdogs" traten wir ins Feld und erspielten uns hart die verdiente Medaille. Hartes Training zweimal die Woche war ein Muss und mit viel Schweiß zeigten sich viele Fortschritte. Selbst ich als relativ alter Volleyballhase erworb viel neues Wissen und Techniken. "Teambonding" wurde in unserem Team groß geschrieben und somit hatte nicht jeder nur ein freundschaftliches Verhältnis zu den Spielern, sondern auch zu deren Eltern und unserem Trainer. Gemeinsame Grillabende und "sleepover" waren immer ein riesen Spaß.
![]() |
Sandy Schlosser vor dem Capitol in Washington/DC |
Nicht genug vom Volleyballsport konnte ich mich im Frühling dann endlich der Damen- Fußballmannschaft "Lady Viking Soccer" anschließen. Wir spielten ebenfalls gegen andere High School's. Training war täglich und obwohl man immer viel zu rennen hatte, wurde es nie langweilig. Jeden Nachmittag nach der Schule traf ich mit einigen meiner Freunde, um zum "practice" zu gehen. Kondition war hier sehr gefragt, die ich nur durch zusätzliches Laufen verbessern konnte. Denn als Neuling hatte ich einiges an Muskeln und Technik aufzuholen. Als Stürmerin erzielte ich sogar einige Tore - nicht viele - aber jeder Treffer zauberte ein riesiges Lächeln über mein Gesicht.
Natürlich gab es in der Schule außer Sport noch andere Möglichkeiten, sich zu engagieren, z.B. im Bereich der Sprachen. Als Mitglied des "French Clubs" fühlte ich mich sehr wohl, wir haben kleinere Projekte erarbeitet, Wandzeitungen gestaltet und es wurde viel unternommen.
Auch im Deutschunterricht wurde meine Hilfe als "the german" oft in Anspruch genommen. Es war schön zu wissen, dass man einfach dazugehörte. Ich hatte nie das Gefühl einer Außenseiterin. Obwohl man bei Fragen wie "Liegt Deutschland in Afrika?", "Sprecht ihr deutsch?" oder "Habt ihr Kühlschränke?" schon mal lächeln musste.
Durch meinen Sport und den vielen anderen Aktivitäten nach der Schule hatte ich tolle Gelegenheiten, Leute kennen zu lernen und Spaß zu haben. Ich habe sehr viele Freundschaften geschlossen und an einige denke ich sehr oft und gern zurück.
An Thanksgiving, Weihnachten, Springbreak und den amerikanischen Sommerferien bin ich viel gereist. Mit meiner Gastfamilie sind wir oft 2 Tage mit dem Auto nach Arizona, Memphis TN und Florida gefahren. Dort haben wir Verwandte und Bekannte besucht, die sich natürlich auch für den Gast aus Deutschland interessiert haben. Von Ost nach West mit dem Auto durch die USA, ein wahnsinniges Erlebnis. All die Vegetationen, Landschaftsunterschiede und Kulturen der verschiedenen Staaten sind faszinierend.
Mit anderen Austauschschülern und Freunden habe ich dann Los Angeles, Las Vegas, den Grand Canyon und Washington D.C. erkundet. Das war sehr aufregend in der großen Welt ganz auf sich allein gestellt zu sein. Ich bin sehr gerne verreist und habe viel fotografiert, denn wer weiß wann man mal wieder ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten kommt.
Am Ende meines Schuljahres konnte ich sogar am "Senior Prom", dem Abschlussball der Zwölftklässler teilnehmen. Wie in den typisch amerikanischen Filmen hatten die Mädchen teure schöne Kleider und die jungen Herren schicke Anzüge an. Ich war überrascht, denn für viele schien Geld bei diesem Abend keine Rolle zu spielen.
Wir liesen uns mit einer großer Limousine vom Haus einer Freundin abholen und fuhren erst einmal durch die Stadt. Nach dieser Spritztour gingen wir als große Gruppe in ein edles französisches Restaurant. Es war eine tolle Erfahrung, so schick Essen zu gehen. Die Feier im Ballraum der örtlichen Universität war gut organisiert. Das Motto "Going out in style" wurde von vielen sehr wörtlich genommen und so war es toll, die jungen Herren und Mädels in den feinsten Kleidern zu sehen. Auch ich gönnte mir ein tolles Kleid aus Seide. Übrigens das Erste in meinem Leben. :-)
![]() |
Graduation |
Auch konnte ich an der "Graduation" teilnehmen, der offizielle Abschluss für die High School. Das "cap and gown" (Hut und Robe) und mein Zertifikat sind einzigartige Andenken an meine 11 Monate in den USA. Wenn ich an die Zeremonie zurückdenke, werde ich heute noch ganz nervös. Alle Absolventen trugen dieselbe Gelb-Grüne Robe, denn dies waren unsere Schulfarben.
Die riesige Turnhalle war mit Menschen gefüllt und der Applaus war atemberaubend. Als ich dann der Direktorin die Hand schüttelte und mein Zertifikat in Empfang nahm war ich sehr Stolz auf mich und meine Leistung. Nichts desto trotz wurde mir etwas anders als alle Eltern ihren Kindern gratulierten. Da wurde das Heimweh mal wieder besonders stark.
Mit Heimweh musste ich auch oft kämpfen. Die ersten Wochen in Amerika waren sehr schlimm. Ich konnte mich an wenig erfreuen, obwohl alles neu und aufregend war. Ich wollte doch so gerne alles mit meinen Lieben zu Hause teilen. Wichtige Tage wie Geburtstage und Tage mit besonderen Erinnerungen waren manchmal eine Qual. Das erste halbe Jahr bis Weihnachten war mit Heimwehattacken durchzogen und ich musste mich immer wieder motivieren und selbst aufbauen.
Später hatte ich genug Stärke gewonnen, um mit Freude und einem glücklichen Lächeln an meine Familie und Freunde zu denken.
In der Vorbereitung wurde uns von zuviel E-Mailkontakt abgeraten, auch das Telefonieren sollte anfangs möglichst selten sein. Hierzu kann ich sagen, dass der fast tägliche Kontakt mit meinen Eltern und Freunden mir eine große Hilfe war. Nicht nur Ratschläge, sondern auch Neuigkeiten und Erlebnisse wurden so ausgetauscht und ich hatte immer das Gefühl nicht ganz von daheim weg zu sein.
![]() |
Sandy Schlosser vor dem Büro von Roy Blunt |
Alle Schüler des 21. PPP trafen sich am Ende des Jahres in der Hauptstadt der Staaten, um sich mit ihrem Congressabgeordneten zu besprechen. Leider hatten nur die Wenigsten Glück auf ein Treffen, da viele Paten mit Wahlen beschäftigt waren. Doch wir hatten die Möglichkeit, im Canon House die Arbeitsräume zu besichtigen.
Bei einer Stadtrundfahrt durch Washington sahen wir das Weiße Haus, das Capitol, das War two Monument, die Abraham Lincoln Statue sowie das Washington Monument. Außer den vielen berühmten Gebäuden und Denkmälern waren auch die Menschen dieser Stadt einzigartig und unvergesslich, wie so vieles was ich in Amerika gesehen und erlebt habe.
Während der langen Zeit dachte ich oft an meine Familie und meine Freunde zu Hause und ich vermisste sie manchmal sehr. Es war nicht immer leicht, doch für mich ist ein Traum wahr geworden! Die vielen schönen Erinnerungen, Erfahrung und was man über sich selbst lernt sind Dinge, die für immer bleiben. Auch kann ich all meine Erfahrungen sicher gut weitergeben und im späteren Leben erfolgreich anwenden.
Ich bin sehr stolz und dankbar, dass ich eine Botschafterin des Deutschen Bundestages sein durfte und einigen Amerikanern wissenswertes über Deutschland und mein zu Hause vermitteln konnte.
Sandy Schlosser, August 2005